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Dienstag, 25. November 2014

Autor: Susanne Rowley

Eine Top-Pädagogin wirft das Handtuch!

Wigwam hat es aufgefangen.


Liebe Wigwam-Freunde,

Das Thema Flucht aus Einrichtungen ist aktuell, und Mevlüde macht es für uns heute fassbar - aber der Reihe nach.

Wie nennt wohl eine bilinguale Top-Pädagogin ihr neues Wigwam-Kinderstübchen? "Meenzer Stoppelhopser". Ehrlich, da wäre ich auch nicht drauf gekommen.

Wir stellen Ihnen heute

Mevlüde vor. Sie hat einen Partner und 3 Kinder. Sie ist qualifizierte Erzieherin, Frühpädagogin, qualifizierte Tagesmutter. 17 Jahre Erfahrungen im Elementarbereich, 2 Jahre Hort und 4 Jahre Krippenerfahrung. Ihre zahlreichen Fortbildungen würden jetzt die Seite sprengen. Nur soviel – ihr Schwerpunkt liegt selbstverständlich auf der interkulturellen Erziehungsarbeit, von der wir im Wigwam schon bald profitieren dürfen.

Aber ich verrate Ihnen,

was ich in Wahrheit an Mevlide an liebsten mag? Sie wollte mit 2 ½ Jahren einen Esel reiten. Weil sie aber nicht hinaufkam, hat sie ihn kurzerhand an eine Mauer heran geschoben, um von oben auf ihn drauf zu hüpfen. Ist das kreativ?

Spaß beiseite. Mevlide stammt ursprünglich aus einer Grenzregion zwischen Syrien und der Türkei – dort ist sie aufgewachsen, diese Kultur trägt sie in sich. Sie stammt aus einer kinderreichen Familie, hat viele Entbehrungen erlebt, hat Deutschland lieben gelernt und diesem Land ganz viel zurückgegeben.

Wie geht man mit einer Pädagogin um,

die einen solch großen Erfahrungsschatz mitbringt und sich dazu noch stets selbst zu reflektieren weiß. Richtig: Man trägt sie auf Händen, sorgt dafür, dass es ihr in ihrer Tätigkeit rundum gut geht, damit sie ihre Kraft und Energie lange für Kinder einsetzen kann. Dem war lange nicht so, doch jetzt wird es so sein, denn wir konnten Mevlide nach langem Hin und Her endlich für uns gewinnen, nachdem sie in Einrichtungen an den Rand ihrer Belastbarkeit getrieben wurde. Im Frühjahr 2015 starten wir mit ihr und ganz viel Freude am neuen Projekt voll durch.

Wir stellen Mevlide noch sehr ausführlich vor - hier jedoch schon ein paar Zeilen vorab, dann das Thema Flucht aus Einrichtungen ist aktuell, und Mevlide macht es für uns heute fassbar:

Mevlüde: >> Ich bin ein sehr ehrlicher Mensch, darum komme ich ohne Umschweife zum Kernpunkt meines Schrittes in die Selbständigkeit mit Wigwam. Die familienpolitische Lage mit samt den Auswirkungen auf die Betreuungsqualität in den Einrichtungen macht es mir als erfahrene Erzieherin unmöglich, mich weiterhin an dieser Entwicklung zu beteiligen. Natürlich ist mir auch bewusst, dass man ein Vorstellungsprofil nicht unbedingt mit negativen Ansätzen starten sollte, denn Eltern möchten ja auch Freude mit und Vertrauen in die Kinderbetreuung entwickeln. Ihnen wird aber ebenso wie mir wichtig sein, dass es Ihrem Kind gut geht, dass es liebevoll und mit enger Bindung gefördert und betreut wird; und all‘ das konnte ich in den Einrichtungen nicht mehr für die Kinder in meiner Obhut gewährleisten. Sowohl die Betreuungsschlüssel als auch die Qualität der Betreuung selbst haben derart nachgelassen, dass ich diese Form der Betreuung nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.

Mein beruflicher Werdegang ist

sehr umfangreich, wie Sie erfahren haben. Nach nunmehr 2 Jahren in einem Hort, 17 Jahren im Elementarbereich und 4 Jahren Krippenarbeit werfe ich allen Einrichtungen das Handtuch entgegen und möchte mich zum Wohle der Kleinen mit viel Einfühlungsvermögen, Spaß und wieder gewonnener Wertschätzung beruflich selbständig mit Wigwam neu orientieren. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich bald wieder Raum und Zeit haben werde, Werte, die mir wichtig sind, einem Kind zu vermitteln.

2009 bis 2011 habe ich eine zusätzliche Weiterbildung für U3-Kinder mit einer Zertifizierung abgeschlossen. Meine Intention hierzu war, Kleinkindern aus bildungsfernen Familien ebenfalls die Chance zu bieten, gleiche Bildungsmöglichkeiten zu geben. Ich als Pädagogin sehe mich in dieser Verantwortung, und darum war keine andere Entscheidung, als den Einrichtungen den Rücken zu kehren, mehr für mich möglich. Und nun endlich hoffe ich auf ein neues berufliches Zuhause innerhalb der Kindertagespflege. Und ich bin guter Dinge, dass mir das mit Wigwam gelingen wird.

Ich lese seither wieder ganz viel; und seit Neuestem macht es wieder Sinn! Literatur ist für mich nicht nur zum Entspannen da; ich bilde mich ständig fort und schaue, welche Inhalte ich sinnvoll in meine Arbeit einfließen lassen kann. Eine mir bekannte Kollegin in einer Einrichtung fragte mich mal: “Kommst du dir auch etwas verblödet vor, seit du mit den Kleinen arbeitest?“ Ich musste herzlich lachen, und fand weder Punkt noch Komma zu beschreiben, wie sehr ich Förderinhalte genieße, sie aber nicht dazu verwende, nach Lehrbuch umzusetzen, sondern daran arbeite, sie in meine Wertvorstellungen mit einfließen zu lassen.

Alle Eltern

erleben Höhen, Tiefen und Ängste mit ihren Kindern, fragen sich oft, ob sie das alles schaffen werden. Und über allem schwebt der große Wunsch, „das Beste“ für sein Kind zu bewirken. Also ist es unsere Aufgabe, immer wieder abzuwägen, welche Inhalte wir transportieren, und was wir ihnen real vorleben.

Heute weiß ich, es gibt kein Richtig oder Falsch.

Wir bemühen uns alle redlich, und das spüren unsere Kinder auch – also gibt es immer nur die Entscheidung, die sie jetzt gerade getroffen haben.

Ich stamme ursprünglich aus der Türkei, nahe der Syrischen Grenze bei Yayladagi/Kislak. Mein Vater kam Ende der sechziger Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland und wollte seinen Aussagen nach nur wenige Jahre hier arbeiten, um dann wieder zurückkehren. „Ich dachte das Geld liegt auf der Straße und muss nur aufgekehrt werden“, sagte er uns Kindern. Aus den wenigen Jahren wurden fast 30 Jahre, und so bin ich nun hier. Da ich damals die Jüngste von 7 Geschwistern war (wovon leider vor meiner Geburt bereits schon drei verstarben), holte unser Vater meine Mutter und mich nach Deutschland. Meine älteren Geschwister blieben zurück. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade mal 2 1/2 Jahre alt, und manche Erlebnisse erinnere ich noch heute sehr gerne: Zu unserer Familie gehörten Tiere, ein Pferd, Hühner, Schafe, Ziegen, Katzen und auch ein alter Esel. Es war ein großer Spaß mit meinem Esel durch mein Dorf Kislak zu reiten und die mir vertrauten alten Menschen zu besuchen. Eigentlich war ich viel zu klein, um alleine auf einen Esel zu steigen, aber ich wusste mir zu helfen, zog ihn an eine Mauer, kletterte hinauf, um dann von dort auf meinen Esel zu springen.

Ich lauschte meinen Eltern als plötzlich vom „Fliegen“ die Rede war; darunter konnte ich mir gar nichts vorstellen. Und dann bekam ich ein neues Kleid – extra für den aufregenden Flug nach Deutschland. Ich fand das Leben hier großartig, lernte schnell die Sprache, was mich zur Übersetzerin meiner ganzen Familie werden ließ. D.h. im Grunde habe ich mich mit 4 Jahren „selbst“ im Kindergarten angemeldet. Und hier bekam ich zunächst mit, was im Herzen bis heute meinen beruflichen Weg bestimmt: Gerechtigkeit und Wertschätzung – Dinge also, die ich in meiner Kindheit ganz anders erlebte.

Bildung war in unserer Familie ein Fremdwort

und Unterstützung war somit auch nicht zu erwarten. Bildung und selbständiges Denken wurde eher als Gefahr für späteren Ungehorsam angesehen. Und so bin ich heute noch dankbar für viele Mentoren, die mein schulisches und anfänglich berufliches Leben begleitet haben. Dass ich diese Werte einmal als Erzieherin umsetzen würde, war mir lange nicht klar – zunächst dachte ich als Kind, dass ich nur als Polizistin für Gerechtigkeit für Kinder, Alte und Schwache sorgen könnte – heute weiß ich es besser, und stehe mit Leib und Seele am Beginn des Lebens der kleinen Menschlein.

Und dann muss ich doch noch erleben, wie Kinder durch eine Bildungs- und Fördermaschinerie geschoben werden ohne Rücksicht auf deren Bedürfnisse? Ich bin ich selbst Mutter von 3 tollen, selbstbewussten Kindern und staune jeden Tag, wie sie das Leben meistern, und täglich aufs neue versuchen, ihre Stellung innerhalb der Familie und der Gesellschaft zu finden. Das macht mich unglaublich stolz. Wie soll ich dann in einer Einrichtung verharren, in der ich schon morgens weiß, dass ich nicht annähernd auch nur einem Kind die Aufmerksamkeit schenken kann, die es verdient? Am Schluss heißt es nur noch: Entweder ich - oder das Kind. Ich habe mich jetzt für mich und "andere" Kinder entschieden.

Ich selbst bin ein sehr offener Mensch und versuche, ohne Vorurteile an neue Herausforderungen heran zu gehen; bin immer bereit, mich zu entwickeln und Menschen so zu nehmen, wie das Leben sie prägte. Ich achte sehr gut auf mich und meine Bedürfnisse, Versprechungen die ich meinen Kindern, dem Partner und Freunden gebe, halte ich ein, und man kann sich voll und ganz auf mich verlassen. Meine Grenzen teste ich schon mal im Kletterwald aus – die Höhe hat’s mir angetan. Hier lerne ich für mich zu unterscheiden, wo möchte ich mich noch weiter entwickeln, und wo ist meine wirkliche Grenze. Sie merken, Praktisches Erleben liegt mir sehr, denn das macht mental Gedachtes erst erfahrbar. Meine Kinder finden mich übrigens ganz schön mutig – vielleicht auch ein bisschen verrückt – aber das darf so sein.

Das bin ich,

weil ich zu jedem Zeitpunkt ein Interesse daran habe, was ein Kind bewegt. Und dazu ist es notwendig, mit allen Sinnen an das Kind heranzutreten. Ich möchte ein Kind nicht nur hören und sehen, sondern auch Mimik und Gesten erfassen und den Blick eines Kindes richtig einschätzen. Nur so hab ich die Chance, ein Kind rundum in seinen Bedürfnissen zu verstehen. Es ist mir ein großes Anliegen, liebe Eltern, Ihren Kindern die optimale Betreuung durch wertschätzende Haltung, gute Atmosphäre und Vertrauen angedeihen zu lassen. Ich nehme jedes Kind mit seinen Stärken und Schwächen wahr und fördere es mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Spaß am gemeinsamen Tun. Das ist aus meiner Sicht die Basis, die den Kindern die Tore öffnet, ihre individuellen Entwicklungsabschnitte eigenständig und eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen. Eng verknüpft damit schaffe ich Entwicklungsräume, die dem Kind helfen, seine Persönlichkeit, die es mitbringt, auch optimal zu entfalten. Damit dies für Eltern nicht abgehoben klingt, bringe ich es natürlich in einem ausführlichen Konzept, gepaart mit praktischen Beispielen nahe, das hier jetzt zu umfangreich würde.

Wichtig ist mir einfach zu sagen:

Ich werde wieder Zeit haben - Zeit für die Kinder! Sie werden eine authentische Person in mir erleben, eine wertschätzende Haltung sehen, ich werde wieder Ansprechpartner sein, der zuhört, ich werde wieder erfühlen können, welche Kompetenzen es bei welchem Kind zu fördern gilt. Wir werden Gemeinschaft wieder leben, Selbstbildungsprozesse nicht nur aufschreiben sondern erfahren.

Ich kann wieder Impulse geben, weil ich selbst wieder welche haben werde.

Und endlich muss Zwischenmenschliches nicht mehr genormt werden, denn es soll ja auch eine gelebte Überzeugung dahinterstehen. Gehorsam, stand bei mir niemals im Vordergrund. In meiner eigenen Erziehung gab es leider oftmals nicht die Möglichkeit, zu entscheiden, ob ich Lust habe dies zu tun oder jenes einfach zu lassen. Fast hätte ich das vergessen... <<

Und damit schließt Mevlide für heute - wir werden sicher noch viel von ihr lesen. Ihre ganze Familie - ihre 3 Kinder und Ihr Partner freuen sich auf den neuen Weg, den wir gemeinsam gehen werden.

herzlich Susanne Rowley

WIGWAM 1994
Susanne Rowley
Kapitän-Lorenz-Ufer 20
55583 Bad Kreuznach

Anerkannte Bildungseinrichtung

Phone: 06708 – 660636
E-Mail: info_at_wigwam.de

Kindertagespflegeberatung
Mo-Do: 9-16 Uhr
bei Terminen auf Rückrufbasis

Wigwam Vertragspartner:

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