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Matilda

Wie produziert der Staat "Sozialhilfeempfänger" selbst? / Korrektur zum Info-Brief 26.

Von: Anette Vanderwege / Susanne Rowley

10/03

Info-Brief 29

Hallo liebe Tagesmütter/ -väter, liebe  Eltern, liebe interessierte Leser,  

 
Heute möchte ich Ihnen das Märchen von der wundersamen Wandlung von "Mathilda Fleißig" in "Mathilda GuckindieLuft" präsentieren, wie es hier und heute und überall immer mehr zur Realität wird. Deser Beitrag ist geschrieben von Anette Vanderwege von Wigwam 2. Und wir freuen uns über Reaktionen von Ihrer Seite. Lesen Sie selbst....
 
Wie produziert man als Staat "Sozialhilfeempfänger" selbst ?
Frau Mathilda Fleißig lebt in sicherem Umfeld. Sie ist verheiratet, hat 3 nette Kinder und einen Job, der ihr Spaß macht. Als Krankenschwester muss sie zwar Schicht arbeiten, aber das stellt für ihre Familie kein Problem dar, denn die Betreuung der Kinder, 8,6 und 4 Jahre alt, ist mit Schule und Kindergarten gewährleistet. Wenn sie Spätschicht hat, holt ihr Mann die Kinder ab. Manchmal wünscht sie sich, zu Hause zu bleiben, aber das Geld, das sie verdient, braucht die Familie, um sich mal einen Urlaub leisten zu können, oder den Kindern einen Kinobesuch zu gönnen. Alles ist in bester Ordnung, bis zu dem Tag an dem Frau Fleißig Lippenstift am Hemd, und ein Ultraschallbild eines Ungeborenen in der Brieftasche ihres Mannes findet.....................(kann ja ma passieren ;-))
 
Als die Trennung vollzogen ist, steht sie auf einmal alleine da. Das Geld, das sie früher nur dazu verdiente,  muss auf einmal reichen, um ihre und die Existenz ihrer Kinder zu sichern. Sie ist plötzlich auf jeden Cent angewiesen und muss den Gürtel sehr eng schnallen, um die laufenden Kosten zu bezahlen. Sie kann keine großen Sprünge mehr machen und zusätzliche Ausgaben sind überhaupt nicht drin. Gott sei Dank hat sie Ihren Job - ODER?!
 
Alles Probleme, die man irgendwie schaffen kann; jetzt steht nur noch die Kinderbetreuung offen. Frau Fleißig merkt sehr schnell, dass die bestehenden Betreuungseinrichtungen mit den starren Öffnungszeiten, nicht infrage kommen. Es muss eine andere flexiblere Lösung her. Da ihre eigene Familie weit weg wohnt und der Ex-Mann sich nicht mehr zuständig fühlt, kann nur noch eine Tagesmutter helfen. Die hat allerdings einen Stundensatz von ca. 5,50 € für drei Kinder (wenn sie Glück hat). Nachdem sie mit spitzen Bleistift gerechnet hat, kommt sie in ihrem Fall auf einen monatlichen Betrag von ca. 385€ . 385 € zusätzliche Ausgaben jeden Monat - einfach utopisch! Wie gut, daß wir hier in einem Sozialstaat leben. Da kann ja gar nichts passieren !!!??? (wenn die wüsste)
 
Frau Fleißig macht sich optimistisch auf den Weg zum Jugendamt. Dort erhofft sie sich Hilfe. Zuerst muss sie sich durch viele Zimmer fragen, bis sie zu dem Sachbearbeiter kommt, der Tagesmütter vermittelt und für sie zuständig ist. Dort erhält sie drei Telefonnummern von Tagesmütter in ihrer Stadt. (Wow, soviel Auswahl!) Frau Fleißig ruft die erste an: Dort stellt sich heraus, dass diese schon alle Plätze vergeben hat. (Na macht ja nichts, wir haben ja noch 2 ). Die zweite Tagesmutter möchte nur vormittags betreuen und auf keinen Fall 3 Kinder auf einmal.(Nun gut, einen hat sie ja noch). Sie ruft dort an und hat einen Mann am Telefon, der ihr erklärt, daß die Tagesfamilie schon lange nicht mehr hier wohnen würde.( ach ja? was machen wir denn nun).  Der Mann ist sehr nett und gibt ihr den Rat, sich privat umzuschauen und sich die Kosten für eine Tagesmutter vom Jugendamt erstatten zu lassen.
 
So kommt Frau Fleißig zu Wigwam (na endlich!). Wigwam hat Tagesfamilien, die 3 Kinder auf einmal betreuen, ungewöhnliche Arbeitszeiten abdecken und auch tatsächlich noch dort wohnen, wo wir sie irgendwann mal aufgenommen haben (haben Sie was anderes erwartet?). Die Kinderbetreuung ist wieder sichergestellt (Gott sei Dank) Jetzt muss nur noch die Finanzierung auf die Füße gestellt werden. Das dürfte ja wohl kein Problem sein, wir leben ja schließlich in einem Sozialstaat, und es kann diesem Staat ja nur Recht sein, wenn man durch eigene Arbeit seinen Lebensunterhalt sicherstellt und nicht zur Erhöhung der Arbeitslosenzahl beiträgt, oder gar dem Staat auf der Tasche liegt. (denkste)
 
Nachdem Frau Fleißig unzählige Telefonate mit Ämtern geführt, in -zig Telefonwarteschleifen gehangen, Formulare ausgefüllt, Bescheinigung beibegracht und persönliche Gespräche geführt hat, bekommt sie nach Wochen einen Bescheid. Die Kosten werden nur anteilmäßig übernommen! Frau Fleißig muss einen Betrag zuschießen, der ihr monatliches Budget sprengt. Sie rechnet nach - das geht nicht - sie hat schon gespart an allen Ecken und Enden - mehr ist nicht drin. Im  Klartext: Sie muss ihre Arbeit aufgeben und die Kinderbetreuung selbst leisten. Aus Frau Fleißig wird Ruck-Zuck Frau Guckindieluft.
 
Macht ja nix...wozu gibts denn das Sozialamt, und Erfahrung mit dem Beantragen von Leistungen hat sie ja. Schiefgehen kann auch nix - denn schließlich leben wir ja in einem Sozialstaat, der für bedürftige Mitbürger das komplette Dasein finanziert, wenn alle Stricke reißen. Und wenn das eine Amt nicht zahlt, zahlt das andere umso mehr.
 
Preisfrage: Und jetzt raten Sie mal, wieviel mehr es den selben Staat und uns Steuerzahler kostet, die Wohnung und den Unterhalt von einer Frau mit 3 Kindern zu finanzieren, statt den Zuschuß an eine Tagesmutter komplett zu bezahlen ?

Ihre Anette Vanderwege

http://www.wigwam.de/infoecke/bilder_infobriefe/brief29_2.jpg
 


Wichtige Korrektur zum Info-Brief 26 Juli 2003
"Betroffen nun auch die Tagesmütter / Neuregelung !"

 
In dem Artikel ist ein grober Fehler enthalten, den wir leider so übernommen haben. Nach Recherche können wir nun die Korrektur weitergegeben: Es hieß "...........Selbständige Tagesmütter und -väter, die im eigenen Haushalt Kinder betreuen, können ab dem  1. April 2003 ein bis zu 400 € steuer- und sozialversicherungsfreies Arbeitseinkommen erzielen. Das ist falsch! Richtig muß es lauten: "..........können ein bis zu 400 € sozialversicherungsfreies Arbeitseinkommen erzielen." Das zu versteuernde Einkommen einer Tagesmutter errechnet sich grundsätzlich aus: Betreuungsgeld minus Betriebsausgabenpausche!
 
Auch die an uns weitergegebene Tabelle zur Betriebsausgabenpauschale bedarf noch einer Ergänzung, denn hier wird zwischen 2 unterschieden:
a)zeiteinteilige Betriebsausgabenpauschale

Betreuung des Kindes

Betriebsausgabenpauschale

über 6 Std. /Tag

245,42 € 

4-6 Std. / Tag

184,07 €  

bis 4 Std. / Tag

122,71 €  


b)Betriebsausgabenpauschale bei erhöhten Sachaufwendungen

Betreuung des Kindes

Betriebsausgabenpauschale

über 6 Std. /Tag

245,42 € 

4-6 Std. / Tag

230,08 €  

bis 4 Std. / Tag

178,95 €  


Tabelle b) kommt z.B. dann zum tragen, wenn ein Tageskind eine spezielle Diät bekommen müßte und von daher 2 Malzeiten am Tag bekommt.
 

Fortfahren möchte ich heute mit einem internen Wigwam-Anliegen, dass sowohl mir in der Hauptstelle, als auch Frau Vanderwege in Wigwam 2, schwer zu schaffen macht. Das Thema muss leider heute auf den Tisch und heißt
 
Nichtzahler in Variante 2
Wie alle anderen Institutionen und Dienstleister kämpfen auch wir seit Jahren immer wieder mit einer Nicht-Zahler-Klientel. In diesem Jahr - 2003 zeigt sich das Problem allerdings so massiv, dass nicht mehr von Ausnahmen gesprochen werden kann. Wie Sie sich sicher alle vorstellen können, ist das gesamte Wigwam-Zahlungssystem ein empfindliches Gesamtgefüge, das nur aufrecht zu erhalten ist, wenn alle sich beteiligen. Es ist notwendig, dass sich jedes einzelne Elternpaar bewußt macht, dass jeder Beitrag es möglich macht, dass auch weiterhin Müttern/Eltern aus allen sozialen Schichten hier geholfen werden kann. So ist es uns z.B. in den letzten Jahren gelungen 2 besondere Service-Angebote zu machen:
 
- Jedes Elternpaar, dass den Beitritt zu Wigwam in Variante 2 wählt, kann den Abbuchungmonat im 1. Beitrittsjahr frei wählen,
  verschieben oder die Abbuchung in viele Schritte splitten. Dieses Angebot ist einmalig in Deutschland!
 
- Jedes Elternpaar wird von uns nach dem "Solidarpakt" eingestuft. Doppelverdiener und Paare mit höherem Einkommen
  unterstützen allein Erziehende und sozialhilfeabhängige Familien.
 
Die beiden Angebote sind straff kalkuliert und funktionieren nur, wenn die Mitglieder, die bereits länger als 1 Jahr dabei sind, im von uns kalkulierten Monat auch wirklich Ihre Folgepauschalen bezahlen.
 
Was ist passiert?
Wir schlagen uns monatlich herum mit nichtgedeckten Konten, willkürlichen Rückbuchungen ohne Begründung, unbekannt verzogenen Eltern und vorzeitigen Austrittswünschen aus Variante 2, obwohl der Mindesbeitritt (2 Jahre) vorab bekannt war. Mittlerweile ist das System derart "ausgehöhlt", dass die o.g. Vorzüge der Verschiebung und Splittung im 1. Jahr gefährdet sind,  wenn nicht bald Besserung eintritt!
 
Jeden Monat erreichen uns Briefe über vorzeitige Austrittwünsche aus Variante 2 - seien es Umzüge, Versetzung der Ehepartner, Verlust der Arbeitsstelle, Trennung von Familien ect. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir keine Ausnahmen mehr machen können, auch im Hinblick auf Gerechtigkeit gegenüber den Familien, die von vorneherein nur "zur reinen Rückversicherung" ohne Nutzung eines Platzes hier beitreten. Es ist auch nicht einzusehen, dass ein solcher Vertrag nur solange seine Wirkung haben sollte, solange Wigam das komplette Vertretungsrisiko für Sie trägt, und sobald Sie keinen Nutzen mehr haben möchten, (also eine Zeitlang nur zur reinen Rückversicherung angeschlossen sind) , der Vertrag seinen Sinn verlieren sollte.

 
Wir möchten an dieser Stelle auch mal erwähnen, dass durch die Nichtzahler das Vertrauen auf unserer Seite empfindlich gestört wird. Besonders dann, wenn wir bislang gut zusammen gearbeitet haben. Sollte es nicht eher so sein, dass sich die Zusammenarbeit so vertrauensvoll gestalten kann, dass auch Zahlungsengpässe von Seiten der Familien mit uns besprochen werden können. Ansonsten bleibt auf unserer Seite immer ein fader Beigeschmack!
 
So, das solls für heute gewesen sein. Wir hoffen, wir haben Ihnen etwas Einblick gewährt und Ihnen ausreichend Stoff zum Nachdenken geliefert. Für Kritik und Anregungen sind wir wie immer offen;  selbstverständlich auch für Kommentare zu den Beiträgen.

Es grüßt herzlich  
Susanne Rowley
Kinderbetreuungsbörse Wigwam 1994
(Gründerin)

http://www.wigwam.de/infoecke/bilder_infobriefe/susanne.jpg
 



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